35. Annalise-Wagner-Preis

COVER Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben, © Claassen Verlag
COVER  Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben © Claassen Verlag

Der Jury des Annalise-Wagner-Preises lagen im Jahr 2026 79 Texte vor. Sie bildeten ein vielfarbiges, spannendes Mosaik aus 45 belletristischen Werken, 23 populärwissenschaftlichen oder wissenschaftlichen Sachtexten und 11 Texten der Kinder- und Jugendliteratur. Darunter waren 24 Manuskripte. 42 Bewerbungen bzw. Vorschläge kamen aus dem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern und 37 aus anderen Bundesländern bzw. Ländern.

Einstimmig beschlossen Jury und Kuratorium, den mit 2.500 Euro dotierten 35. Annalise-Wagner-Preises zu vergeben
an den Roman

„Wer möchte nicht im Leben bleiben“
von Helene Bukowski,

erschienen 2026 im Claassen Verlag (ISBN 9783546101585).
Website des Verlages
 

Helene Bukowski, Autorin, Berlin, Juni 2025, © Tobias Kruse 
AUTORENFOTO  Helene Bukowski © Tobias Kruse

Helene Bukowski,

geboren 1993 in Berlin, studierte am Literaturinstitut Hildesheim. 2019 erschien ihr Debütroman »Milchzähne«, der für das Kino adaptiert wurde. 2022 folgte »Die Kriegerin«. Ihre Bücher wurden vielfach besprochen und in mehrere Sprachen übersetzt. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin wieder in ihrer Geburtsstadt und der Niederlausitz. (© Claassen Verlag).

Der für den Annalise-Wagner-Preis notwendige Regionalbezug des Romans
stellt sich her über die Städte Neustrelitz und Neubrandenburg, die als dokumentierte Lebensorte der jungen Pianistin zugleich literarische Orte des Romans sind.

In der Begründung der Jury des 35. Annalise-Wagner-Preises heißt es:

„Ein Nachlass. Fotos, Notizbücher, Kassetten, Briefe. Erinnerungen an eine junge Pianistin, die im Roman von Helene Bukowski Christina genannt wird. Von Siglinde, einer Freundin der Großmutter in Neubrandenburg, sind sie zur Autorin gelangt. „Ich fand sie in der Stadt, in der meine Mutter groß geworden ist, und einer, den ich da mal liebte,“ schreibt die Autorin in einem Post auf Instagram. Helene Bukowski nähert sich in ihrem dritten Roman auf innovative Weise der Biografie einer realen Person an. Ein Menschenschicksal, voller Empathie und persönlicher Anteilnahme erzählt:

Christina, 1961 in Leipzig geboren, zieht im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern in das Scheibenhochhaus am Neubrandenburger Karl-Marx-Platz ein. 1985, mit 24 Jahren, wird sie sich hier aus dem Fenster stürzen und das Leben nehmen. Dazwischen lebt sie ein intensives Leben als talentierte Pianistin, zieht 1972 nach Berlin in ein Musikinternat (die „Spezi“ genannte Spezialschule für Musik) und studiert von 1978 bis 1984 am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium, genießt dort erstmals Freiheit und Internationalität. Bei ihrer Rückkehr nach Berlin wird die junge feinfühlige Frau erleben, wie sie in der Endphase der DDR unter die Räder der „parteilich-sozialistischen Ausdeutung der Musik“ zu geraten und ihre Kreativität zu ersticken droht. Statt nach eigenem musikalischen Ausdruck suchen zu dürfen, wird ihr ein mechanischer Stil oktroyiert, der ihr die Lust am Leben und an der Musik nimmt. Eine heute bekannte prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) führt die Autorin zusätzlich als mögliche Quelle depressiver Schübe bei Christina an. Als Musiker überträgt der Vater zudem seine Ambitionen auf die Tochter; er dokumentiert ausführlich ein Leben, das ihm versagt bleibt.

Helene Bukowski beginnt ihren Text über Christina mit einem Zitat der lebenshungrigen „Franziska Linkerhand“ im Roman von Brigitte Reimann. Sie verschiebt jedoch die Optik vom bloßen Erzählen von Christinas Leben zu einer direkten dialogischen Auseinandersetzung mit ihr, indem ihr Erzähler-Ich mit Christinas Du spricht. Lücken im überlieferten Material aus Christinas Leben füllt die Autorin gekonnt, indem sie ihre eigene Perspektive betont, Leerstellen sichtbar macht und dabei literarisch verwandelt. Was als übergriffige Methode der Überblendung ihres Autorin-Lebens mit dem Musikerin-Lebens der Protagonistin gelesen werden könnte, legt Bukowski in entwaffnender Ehrlichkeit offen, indem sie den Prozess ihrer Auseinandersetzung mit Christinas Biografie in den Text integriert. Auch das Einschwingen auf den Kern von Christinas Kunst gelingt ihr: Die Beschreibung der Urgewalt der Musik in bewegenden Naturbildern sprengt den empathisch-dokumentarischen Gestus des Buches und führt ins Offene.

Helene Bukowskis Roman, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026, vermag es als einer der wichtigsten Beiträge zur modernen dokumentarischen Literatur wahrgenommen zu werden. Ihr Buch hebt von der Faktenbasis ab und zu einer Reflexion darüber an, wie Träume an den Ansprüchen einer Gesellschaft und der eigenen Perfektion zerbrechen können. Sie verbindet erzählend die Suche nach ihren eigenen mentalen Prägungen als Nachwendekind mit dem Schicksal einer jungen sensiblen Pianistin in der DDR. Dabei nutzt sie den ihr anvertrauten Nachlass nicht für eine klassische Enthüllungsgeschichte, sondern schafft es überzeugend, die gesellschaftliche Atmosphäre einer Epoche im scheinbar Privaten erlebbar werden zu lassen. Sie beschreibt eindringlich den Verlust kindlichen Seins im Elternhaus, Rituale des „Drills“ an der Spezi und die fatalen Auswirkungen der emotionalen Vereinsamung, die mit der Hochbegabtenförderung einhergingen. Sie erzählt, wie der Erwartungsdruck an eine Nachwuchs-Elite das spielerische Moment der Kunst unter sich begräbt: „Üben, üben, üben, dann geht es auch nach drüben.“

Helene Bukowski ist ein Buch geglückt, das versucht, den Tod zu verstehen, aber vielmehr ein kurzes Leben feiert. Dennoch bleiben Rätsel und offene Enden. Wie das Hochhaus in der Mitte Neubrandenburgs, das gerade Platte für Platte verschwindet.
Im Sinne der Preisstifterin Annalise Wagner wird hier und jetzt ein Text von hoher Qualität ausgezeichnet, der, regional verortet und hervorragend recherchiert, Biografie und Geschichte am kurzen Leben einer Frau beschreibt und damit auch Wagners Wirken fortschreibt.“

Text: Matthias Wolf, im Mai 2026

Vorschlag
der Jury des 35. Annalise-Wagner-Preises
(PDF)

Presseinformation
zur Vergabe des 35. Annalise-Wagner-Preises
(PDF)


Preisverleihung
am 26. Juni 2026 um 16 Uhr im Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz in Neustrelitz

Die Annalise-Wagner-Stiftung ist ein testamentarisches Vermächtnis von Annalise Wagner (1903-1986) aus Neustrelitz.
1991 wurde sie als Treuhandstiftung der Stadt Neubrandenburg errichtet und war die erste neue Kulturstiftung im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.
Der 35. Annalise-Wagner-Preis wird anlässlich des 40. Todestages der Stifterin am 26. Juni 2026 im Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz in Neustrelitz verliehen.

Der Eintritt ist frei.

Wer dabei sein möchte, kann sich gern ab sofort anmelden per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

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